Zwergenzeug

Nachdem ich bereits mehrmals DSA-Romane vorgestellt habe, folgt nun eine Fantasy-Buchrezension, die nicht in Aventurien spielt. Die Bücher waren übrigens ein Grund, warum ich länger nichts zur Nordlandtrilogie geschrieben habe!

Zwergenzorn“ und „Zwergenmacht
von Dennis L. McKiernan

Seit dem neuerlichen „Herr der Ringe“-Fieber versuchen die heimischen Buchverlage, aus dieser Begeisterung Kapital zu schlagen – und legen dabei eine Goldgier an den Tag, die wohl manchem Zwerg zur Ehre gereichen würde. Da werden zahlreichen Neuerscheinungen als „die wahre Geschichte“ irgendeiner der bei Tolkien auftauchenden Rassen bezeichnet und auch die Erwähnung des großens Meisters selbst (Tolkien, nicht Sauron!) darf nie fehlen. Gewiefte Fantasy-Kenner durchschauen natürlich diese billige Marketing-Methode, die so alt ist, daß sie wohl noch aus einem früheren Zeitalter stammt. Zum Glück erweist sich manches der so angepriesenen Machwerke als durchaus lesenswert. Umso bedauerlicher, wenn dem mal nicht so ist…

Daß ich hier gleich zwei Bücher zusammen vorstelle, hat einen einfachen Grund: Die Geschichte besteht aus zwei zusammenhängenden Teilen. Daß eine Erzählung auf zwei Bücher verteilt wurde, ist ja nichts Neues, dieses Mal aber keine Eigenidiotie der deutschen Herausgeber, da schon im Original die beiden Bände einzeln erschienen sind. Allerdings gibt es inzwischen eine englische Ausgabe in einem Buch und ich frage mich, warum dieser Weg nicht bei der deutschen Version sofort beschritten wurde. Das wäre dem Kunden gegenüber ehrlicher gewesen. Andere Titel aus der gleichen Reihe des Verlags sind zudem nicht weniger umfangreich als beide Bücher zusammen.

Zur Handlung: „Was wäre passiert, wenn die Zwerge nach dem großen Ringkrieg Moria hätten zurückerobern wollen?“
Dies ist die zentrale Frage des Romans, auch wenn er vordergründig gar nicht in Mittelerde spielt. Der neue König der Zwerge schickt einen Menschen und zwei seiner Krieger in eine abgeschiedene Gegend, um dort eine Karte der Bergfestung zu bekommen. Von dort aus machen sich zwei Hobbits mit ihnen auf den Weg, um ihre kleine, aber wichtige Rolle in der großen Unternehmung zu übernehmen…

Es fällt sehr schnell negativ auf, daß der Autor viel von „Der Herr der Ringe“ und „Der kleine Hobbit“ abgekupfert hat. Gut, welcher Fantasy-Autor hat das nicht, aber selten war es so direkt und plump. Mir kommt es vor, als hätte er eine Nachfolgegeschichte zum Ringkrieg schreiben wollen, aber da eine Fan-Geschichte, die bestehende Figuren eines anderen Autoren benutzt, natürlich nicht ohne weiteres veröffentlicht werden kann (Wer darf schon einfach so Tolkien Werk weiterschreiben und damit berühmt werden/Geld machen?), wurden einfach die Namen abgeändert und die Hintergründe minimal variiert, damit das Ergebnis als „Hommage an, inspiriert durch Tolkien“ durchgehen konnte.

Selbst das wäre ja noch zu verschmerzen, wenn am Ende eine originelle Geschichte herauskommen würde. Leider erweisen sich die Eigenideen des Autors als erschreckend einfallslos. Daß die Zwerge einen angeborenen Orientierungssinn (aber natürlich nur bei bekannten Wegen!) und die Elfen über eine innere Uhr verfügen, hat er nur eingebaut, damit die Heldengruppe auch unter Tage mitten in der Festung genau weiß, wieviel Zeit vergangen ist und wie sie wieder zurück finden. Den altbekannten Rassen andere Namen zu geben (Hobbits heißen hier „Wurrlinge“), erscheint mir unnötig und uninspiriert. Daß gleichzeitig für jede Rasse eine ganze Reihe unterschiedlicher Namen (meistens Variationen einer Form) auftauchen, verwirrt zusätzlich und sollte wohl darüber hinwegtäuschen, daß man alles ja schon irgendwie kennt. Die paar auftauchenden Brocken Zwergisch, Rukhisch usw. wirken wie ein armseliger Versuch, an Tolkiens ausgearbeitete Elben-Sprachen heranzureichen. Wenn dann einer der Helden namens „Ursor der Baeron“ als „Bär von einem Mann“ oder „Mann von bärenhafter Gestalt“ beschrieben wird oder dem Haupthelden beim Anblick der Oger schlagartig klar wird, warum diese so gefährlich sind („weil sie Kämpfer von unglaublicher Stärke sind“), bricht man vollends in schallendes Gelächter aus ob des naiven Erzählstils. Wie Tolkien-Leser schon bemerkt haben dürften, ist Ursor offensichtlich angelehnt an Beorn aus „Der kleine Hobbit“ – ich erspare mir hier eine lange Liste weiterer Namen und Begebenheiten, die man direkt von Mittelerde nach Mithgar übersetzen kann.

Während bei heutiger Fantasy oft zu viele Erzählstränge unnötig verwirren und die Bösen direkt im Prolog auftauchen, um danach in zahlreichen Kapiteln über ihre Geheimpläne und Intrigen zu sinnieren, bleibt es hier lange Zeit bei einem Erzählstrang, der wenig Abwechslung bietet; die Feinde tauchen gar zum ersten Mal gegen Ende des ersten Buches auf und bleiben eindimensional und farblos. Zudem nervt die übertriebene, unglaubwürdige Harmonie, die unter den Helden herrscht und diese ebenfalls relativ blaß, ja noch weniger als klischeehaft erscheinen läßt. Inzwischen kenne ich das eher übertrieben in die andere Richtung (die Protagonisten sind selbst ziemliche Fieslinge, die sich bei der erstbesten Gelegenheit gegenseitig aus dem Weg räumen), was ich auch nicht besonders mag, weil das genauso platt ist. Was Tolkiens Erzählung bei allem Fantastischen so greifbar machte, waren die Konflikte, Rivalitäten und unterschiedlichen Weltanschauungen der Helden, die u.a. dafür sorgten, daß es bei aller guten Gesinnung den verschiedenen Rassen doch sehr schwer viel, sich auf eine Vorgehensweise gegen den gemeinsamen Feind zu einigen. Gerade die Verschiedenheit trotz des gleiches Zieles gab viel Erzählstoff über das Verhältnis zwischen Zwerg und Elf oder den verschiedenen Parteien der Menschen her – und deren jeweiliger Entwicklung im Verlauf der Geschichte, versteht sich. Davon findet sich hier nicht die Spur.

Ein derartiger Erzählstil ist im besten Falle auf dem Stand der 1980er Jahre und auf jeden Fall veraltet. Tatsächlich ist das Original bereits 1983 erschienen. Warum es jetzt davon eine deutsche Erstveröffentlichung gibt, bliebe mir schleierhaft, wäre da nicht das eingangs erwähnte Motiv des Geldscheffelns. Inzwischen sind genügend bessere Bücher erschienen, so ich daß „Zwergenzorn“ und „Zwergenmacht“ allenfalls drei Randgruppen empfehlen kann:

  1. Hardcore-Zwergenfans, die unbedingt jedes Buch über das kleine bärtige Volk haben müssen
  2. Teenagern und Fantasy-Neulingen, die einfach noch nicht viel Besseres kennen
  3. Leuten, denen sonstige Fantasy-Erzählungen zu konfliktvoll und kompliziert sind.

Allen anderen würde ich „Die Zwerge“ und „Der Krieg der Zwerge“ von Markus Heitz ans Herz legen. Ansonsten konnte mich auch mit leichten Abstrichen „Die Orks“ von Stan Nicholls überzeugen. Wer ordentliche Fantasykost möchte, ist mit beiden Alternativen deutlich besser bedient.

Anmerkungen und Internetquellen:

offizieller Internetauftritt des Autors Dennis L. McKiernan
Liste seiner Werke (chronologisch / nach Handlungsablauf)

Interessanterweise ist „The Silver Call: Trek to Kraggen-Cor / The Brega Path“ (so heißt die Geschichte im Original) ein Erstlingswerk und spielt nach (!) der später entstandenen Trilogie „The Iron Tower“ (auf Deutsch „Der eiserne Turm“, bestehend aus „Die schwarze Flut“, „Die kalten Schatten“, „Der schwärzeste Tag“), deren Handlung in „Zwergenzorn“ / „Zwergenmacht“ angedeutet und grob wiedergegeben wird. Diese Trilogie wurde – durchaus richtig – wiederum zuerst veröffentlicht.

Zwergenzorn (Titelbild und Leseprobe)
Zwergenmacht (Titelbild und Leseprobe)

Die Titelbilder beider Bücher unterscheiden sich übrigens von den dortigen Abbildungen. Während man bei „Zwergenzorn“ nur eine abgewandelte Version genommen hat, sieht das Bild von „Zwergenmacht“ völlig anders aus. Eine gute Entscheidung, wie ich meine.

Für Oktober 2005 wird bereits ein weiteres Buch von Dennis L. McKiernan angekündigt / angedroht, nämlich „Zwergenkrieger“ (im Original „Dragondoom“). An dem völlig anderen Titel merkt man schon, daß der Verlag versucht, Zwergenfans alle möglichen Fantasybücher unter dem Etikett „Zwergen-Roman“ anzudrehen. Tatsächlich ist diese Geschichte schon 1992 unter dem Titel „Drachenkampf“ auf Deutsch erschienen.

lesenswerte amazon.de-Rezensionen von „Zwergenzorn“:
Ganz nett, mehr nicht…“ von Daniel Rumpf, 30. Dezember 2004
Im Schatten des Herrn der Ringe“ von Patrik Brähler, 27. September 2004

Einen Besuch wert ist die Zwergenlounge von Markus Heitz (mit Leseproben und Neuigkeiten über geplante Fortsetzungen). So sieht gute Fantasy anno 2005 aus!

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

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2 Antworten zu Zwergenzeug

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