Die Albenkinder

Bernhard Hennen / James A. Sullivan: Die Elfen

Eines sollte Fantasylesern von vornherein klar sein: Wenn auf der Rückseite des Buches der Name Tolkien auftaucht und es als „unentbehrlich“ für alle Fans von „Herr der Ringe“ sowie als die wahre Geschichte des titelgebenden Volkes bezeichnet wird, dann handelt es sich nicht etwa um eine adäquate Beschreibung, sondern um das schon schablonenhafte Marketingblabla, mit dem der Erfolg der Kinofilme ein weiteres Mal ausgeschlachtet werden soll. Ähnlich formulierte Buchrücken mit zum Teil sogar identischen Satzteilen fanden sich denn bereits bei den Werken über „Die Orks“ und „Die Zwerge“.

Daß Wolfgang Hohlbein mit den Worten „der Fantasy-Roman des Jahres!“ zitiert wird, will ebenfalls nichts besagen. Schließlich hatte er damals auch seinen Namen hergegeben, um Hennens Romane über „Das Jahr des Greifen“ ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu bescheren.

Insofern ist hier ein wenig Skepsis angebracht, wenn auf dem Titel nur Bernhard Hennen genannt wird, im Inneren des Buches jedoch ein bislang unbekannter James A. Sullivan als Co-Autor aufgeführt wird. Wurde hier etwa die gleiche Schummelei wie damals angewandt, nur daß diesmal der inzwischen renommierte Hennen die Rolle des Publikumsmagneten übernahm?

Dagegen spricht allerdings, daß bereits die Fortsetzung namens „Elfenwinter“ in Mache ist, bei der nur noch Hennen als Verfasser aufgeführt wird. Andererseits wird in den Vorabinformationen das gleiche Hohlbein-Zitat verwendet, was natürlich entweder unglaublicher Zufall, das Ergebnis von Kungelei oder schlichtweg Quatsch ist.

Zur Geschichte: Die beiden Elfen Farodin und Nuramon ziehen mit Mandred, einem Jarl aus einem kleinen Menschendorf im hohen Norden, durch die Welt, um verschiedene Aufträge zu erledigen. Der Mensch hat dabei die wichtige Funktion, die Geschichte ein wenig zu erden, denn die Elfen erweisen sich immer wieder als überirdisch und damit unverständlich. Insbesondere die rätselhafte Elfenkönigin – im Gegensatz zu Aventurien herrscht hier bei den Elfen eine strenge Hierarchie – wirkt immer wieder seltsam und hart in ihren Entscheidungen und Befehlen.

Als Hauptwidersacher gilt ein eberköpfiger Devanthar, eine Art Dämon und ein uralter Feind der Alben. Letztere stellen die Vorfahren der Elfen und diverser anderer Rassen wie Faunen, Zentauren und Feen dar, treten selbst aber nicht mehr in Erscheinung, da sie schon lange die Welt verlassen haben. Dazu gibt es noch die Trolle, ebenfalls Albenkinder, aber von der verschlagenen Sorte, sowie die Zwerge, welche in der Geschichte besonders gut wegkommen – sogar besser als die Elfen selbst! Als Statisten treten die verschiedenen Menschenvölker in Erscheinung.

Neben dem Reich der Elfen existiert die Menschenwelt mit unterschiedlichen Ländern und Kulturen sowie die sog. zerbrochene Welt, welche vor Urzeiten durch entsetzliche Kriege zerstört wurde und nun als eine Art postapokalyptische Ruine fast gänzlich unbewohnbar ist.

Die Geschichte der drei Gefährten wirkt oft tragisch-traurig (wie Elfenerzählungen eben sind), enthält zum Glück aber andererseits viele lustige oder schöne Abschnitte, die die für eine abwechslungsreichere Stimmung sorgen. Zwischendurch werden Ereignisse bzw. deren Auswirkungen geschickt zusammengefaßt, indem Ausschnitte aus diesbezüglichen fiktiven Büchern, Chroniken und Legenden genannt werden. Ziemlicher Unsinn ist allerdings die Idee schriftlicher Überlieferungen bei Völkern, die i.a. keine Schrift verwenden.

Der Anfang des Buches leidet unter dem Einsamer-Wolf-Syndrom: Kaum werden interessante Kampfgefährten und Nebenfiguren eingeführt, sterben sie schon wieder weg. Das Ende wirkt unter Berücksichtigung des Buchumfangs viel zu kurz und mal eben abgehakt. Außerdem wurde es viel zu offensichtlich offen für eine Fortsetzung gelassen. Besonders befremdlich mutet der fehlende Spannungsbogen an. Das lange Epos der Elfen verkommt ins Episodenhafte, ähnlich wie bei Michael Moorcocks Büchern über den ewigen Helden.

Einige Stellen erscheinen gezwungen, etwa bestimmte Entscheidungen der Königin. Einige Detailfragen werden mit „ist eben so“ beantwortet. Der Schicksalsblick der Königin stellt einen Widerspruch dar zu den zahlreichen Überraschungen, die den Helden widerfahren. Die Geschichte bekommt so den negativen Eindruck der Unvorhersehbarkeit. Die ganze Elfenmission leidet darunter, daß ihr Status und das Vorankommen der Helden unklar bleibt. War am Ende alles sinnlos?

Als Hauptgegner ist der Dämon zu selten präsent; zudem wird nie geklärt, ob und wann er wirklich tot ist. Dieses Manko kann nicht dadurch ausgeglichen werden, daß sein absehbarer Plan recht raffiniert ist.

Auch wenn sie aus der Not entsteht, so wirkt die Verbündung der Elfen mit den Trollen unglaubwürdig, wenn man sich deren Fiesheit ins Gedächtnis ruft. Im persönlichen Tagebuch des Farodin würde eigentlich stehen: „Ich habe den Trollen nie getraut und werde es nie tun. Ich kann und will ihnen den Tod meiner Geliebten nicht verzeihen!

Die Elfen machen mit ihrem natürlichen Zugang zur Magie und all ihren Vorzügen gegenüber Normalsterblichen einen übermenschlichen Eindruck. Das liefert eine vernünftige Erklärung, warum sie gegen eine Übermacht von Feinden bestehen können. Gleichzeitig überrascht es umso mehr, warum sie so hilflos gegen würdige Gegner wie den Devanthar oder feindliche Magier wirken. Die Nebencharaktere werden zum Teil zu einseitig dargestellt, zum Teil aber gut und interessant. Gerade bei den Nebenschauplätzen gelingt eine nette Erzählung.

„Die Elfen“ liest sich sehr gut zwischendurch und in vielen Einzelszenen, während den Autoren (oder dem Autor?) wenig für den Anfang und das Ende, den Handlungsrahmen und die Auflösung eingefallen ist. Insgesamt ganz nett, kommt es längst nicht an „Die Zwerge“ oder „Der Krieg der Zwerge“ von Markus Heitz heran – vom Niveau, welches man mit dem Anspruch „Fantasy-Roman des Jahres“ verbinden würde, ganz zu schweigen!

P.S.:
Das Bild des Covers beim Verlag Randomhouse sowie bei amazon.de ist deutlich zu grell. In Wirklichkeit sieht das Titelbild nicht giftmüllgrün aus, sondern fällt eher sanft grün aus.

SPOILER
Nachdem ich meinen Eindruck stichpunktartig festgehalten hatte, habe ich mir sämtliche Rezensionen des Buches bei amazon.de durchgelesen. Hier stach eine Rezension besonders hervor, deren Verfasser sich fragt, warum man das Buch, wenn die Elfen so stark und mächtig sind, nicht gleich „Die Götter“ genannt hat. Außerdem mutmaßt er, daß man sich für das Ende offenbar von der MTV-Doku-Kuppelsendung „Dismissed“ inspirieren ließ, da die frappierenden Ähnlichkeiten vom Ablauf des Finales nicht von der Hand zu weisen sind.
(„Mäßig, aber besser als „Die Orks““, 20. Dezember 2004, silviahu)
(SPOILER ENDE)

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Fantasy abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Die Albenkinder

  1. Pingback: Menschenkriegerin | Kunar rezensiert

  2. Pingback: Menschen und Trolle | Kunar rezensiert

  3. Pingback: Die Kinderaustauscher | Kunar rezensiert

  4. Pingback: Elfenschwertmeister, Trollfürst und Menschenjarl | Kunar rezensiert

  5. Pingback: Elfendämmerung | Kunar rezensiert

  6. Pingback: Wer zu spät kommt, den bestraft der Leser | Kunar rezensiert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s