Menschenkriegerin

Als ich seinerzeit zwei Bücher von Dennis L. McKiernan besprach (zu lesen unter „Zwergenzeug“ in diesem Blog), nämlich „Zwergenzorn“ und „Zwergenmacht“, zusammen die Erzählung über die Rückeroberung einer Zwergenfeste, war ich nicht sehr begeistert: Es handelte sich um eine Geschichte, wie man sie schon oft gelesen hatte, dazu noch in einem sehr durchschnittlichen, ja geradezu naiven Stil. Im Grunde konnte man es nur als einen auf ganzer Linie mißlungenen Versuch betrachten, Tolkiens Werke nachzuahmen. Dementsprechend erfüllte mich die Vorstellung, daß systematisch McKiernans Werke über Mithgar in Deutschland (wieder)veröffentlicht würden, mit Schaudern.

Wieso rezensiere ich dann eigentlich jetzt „Zwergenkrieger“? Was mich neugierig gemacht hat, war eine Rezension bei amazon.de über die deutsche Erstausgabe, welche bereits 1992 unter dem Titel „Drachenkampf“ erschienen ist. Da teilte ein Rezensent meine Meinung über McKiernans durchschnittliches Erzählniveau, pries hingegen dieses Buch als lobenswerte Ausnahme. In einer weiteren Rezension wies jemand darauf hin, daß es sich endlich mal wieder um eine in sich abgeschlossene Geschichte handelt und nicht um den Auftakt zu einer Serie, in deren Verlauf die Helden zahllose Abenteuer erleben und die Leser zahllose Abgaben an ihren Buchhändler leisten müssen, bis sich der Handlungsbogen schließt. Dazu kam noch das wie immer schöne Titelbild. All das führte dazu, daß ich mir das Buch zu Weihnachten schenken ließ. (Wenn es sich um ein Geschenk handelt, ärgere ich mich nicht so sehr, wenn ein Buch nicht so toll ist. Schließlich habe ich es mir nicht selbst gekauft.)

Kurz gesagt: Es hat sich gelohnt, dem Buch eine Chance zu gegen. Alles, was Dennis L. McKiernan bei seinem Debüt falsch gemacht hat, hat er hier richtig gemacht.

Davon kann auch nicht die mal wieder irreführende Buchbeschreibung ablenken: Es handelt sich keineswegs um eine Fortsetzung von „Zwergenzorn“ und „Zwergenmacht“. Vielmehr spielt die Geschichte etwa zweieinhalb Jahrtausende vor der Rückeroberung der Zwergenfeste – und zudem vor der Trilogie „Der eiserne Turm“, welche den sog. Winterkrieg gegen den dunklen Lord behandelt. Auch wird die weibliche Hauptrolle nicht mit einer Elfe, sondern einer Menschenfrau besetzt. Kurz gesagt handelt die Geschichte davon, wie zwei verfeindete Völker sich aus der Bedrohung durch eine noch größere Gefahr retten müssen. Viel mehr möchte ich vorab nicht verraten.

In „Zwergenkrieger“ werden zum Teil spätere Ereignisse angedeutet. Das ist recht gut in die Erzählung eingebettet und verrät kaum etwas über den Inhalt zeitlich nachfolgender Bücher. Unter anderem taucht mehrmals ein Gegenstand auf, der bei der Rückeroberung der Zwergenfeste eine entscheidende Rolle spielt, dessen Wert jedoch vorerst nur erahnt werden kann. Umgekehrt wurden in den beiden vorher erschienenen Zwergenbüchern bereits einige Personen sowie ein Teil der Handlung von „Zwergenkrieger“ erwähnt. Man glaubt also, den wesentlichen Teil der Geschichte schon zu kennen – doch weit gefehlt! Was man bereits weiß, bildet nur den Auftakt zum wirklichen Abenteuer. Hier hat McKiernan geschickt bekannte Elemente eingewoben und dennoch dennoch Neues und Wendungen eingebaut, damit die Geschichte interessant bleibt. Zudem hat er sich einen guten Plot hinter der Haupthandlung ausgedacht inklusive Prophezeihungen und finsteren Plänen. Hinter letztere kann man zwar gekommen, bevor sie explizit aufgedeckt werden, aber es dauert zumindest eine ganze Weile und es bleibt der Eindruck, daß sich das Böse gerissener angestellt hat, als man es zunächst vermuten würde. Daß die Fiesen mehrmals zu Wort kommen, dient also nicht der klischeehaften Poserei, sondern zeigt in kleinen Schritten verschiedene Facetten des gesamten Machwerks.

Erfreulicherweise ziehen nur ein Zwerg und ein Mensch ins Abenteuer. Es ist also endlich mal keine Riesenheldengruppe mit politisch korrekt sämtlichen Rassen dabei. Dabei hätte es leicht in die Richtung schiefgehen können, etwa „Der Waffenmeister kennt noch einen Elfenfreund, welcher aus Verantwortungsgefühl mitzieht und unterwegs tauchen aus irgendeinem Grund noch ein paar Halblinge auf.“. Auch sind die beiden Helden keine halbwüchsigen Anfänger, sondern geschulte Kämpfer. Sie bekommen zudem magische Unterstützung, was eine vernünftige Erklärung dafür bietet, warum sie dem übermächtigen Gegner trotzen und überhaupt in die Festung des Feindes gelangen können. Zudem taucht die Bedrohung durch das Böse nicht plötzlich aus heiterem Himmel heraus auf. Die Mission der beiden Krieger wird letzten Endes erst durch vorherige Taten der Menschen notwendig.

McKiernan verwendet Zeitsprünge erzähltechnisch sinnvoll. Darin unterscheidet er sich von anderen Autoren, welche mehrere Zeitebenen nur benutzen, um zu verwirren und darüber hinwegzutäuschen, daß es sich eigentlich um eine recht simple Geschichte handelt. Außerdem führt McKiernan seine Erzählstränge zusammen, anstatt kurz „und so trafen sie sich“ zu schreiben.

Schön gefällt mir, daß nicht nur der Weg ins Abenteuer und die Kämpfe beschrieben werden, sondern auch die Zeit danach. Der Weg zurück erweist sich oft als problematischer, als man denkt. Auch wird das Finale weder überhastet (ein Fehler in vielen ansonsten guten Büchern!), noch gibt es ein allzu langes Schlußgeplänkel. McKiernan hat es geschafft, die gleiche Geschwindigkeit bis zum Ende beizubehalten und zu einem geordneten Ende zu kommen. Eine seltene Leistung, die vielen gestandenen Autoren mit besser ausgearbeiteten Charakteren und Geschichten nicht gelingt. Ich erinnere beispielhaft an „Die Elfen“ von Bernhard Hennen und James A. Sullivan (Rezension „Die Albenkinder“ in diesem Blog).

Daß „Zwergenkrieger“ mehr als durchschnittliche Klischeekost ist, merkt man nach etwa 100 Seiten, wenn die erste Schlacht für die Menschen vorrüber ist. Klar, die Anleihen an Tolkien sind nach wie vor nicht zu übersehen (Zoff zwischen Menschen und Zwergen, nachdem die eine Gruppe sich mit einem Drachen angelegt hat), aber es ist keine 1:1-Kopie wie noch bei „Zwergenzorn“/„Zwergenmacht“. Auch wurde die Zwergeneigenschaft der automatischen Wegfindung auf bekannten Strecken besser in die Geschichte integriert, ebenso wie die Sprachbrocken der verschiedenen Völker.

Der von guter Fantasykost verwöhnte Leser wird dennoch leichte Abstriche bei der Qualität hinnehmen müssen. Die Charaktere sind nicht ganz so facettenhaft wie in guten DSA-Romanen – andererseits längst nicht so platt wie schon an anderen Stellen erlebt. Zudem machen mehrere Personen gerade im späteren Verlauf eine Entwicklung durch – selbst die zuerst als völlig unsympathische Person geschilderte Tante Mala. Das Ringen zwischen Vernunft und Gefühlen und verschiedene Charakterzüge kommen auf jeden Fall rüber.

Auch gefällt mir das tragische Element, daß eigentlich „gute“ Völker miteinander verfeindet sind. Die unterschiedlichen Weltanschauungen von Menschen und Zwergen erahnt man als DSA-Veteran und freut sich umso mehr, wenn sie im Verlauf der Geschichte ausgebreitet werden. Daß sich die Feinde nicht von Anfang an aus Vernunft und Überlegungen, sondern erst in höchster Not gemeinsam auf den Weg machen, wirkt umso realistischer.

Gestört haben mich einige zeitliche Fehler am Anfang bezüglich des Alters der Helden. Dazu kommen einige Rechtschreibfehler (Aralon/Aralan). Ein Schatz, der eine ganze Höhle bedeckt und einem riesigen Drachen als Versteck dient, kann zudem schwerlich in einer Handvoll Karren abtransportiert werden. Auch die Eigenidee, daß sich Drachen regelmäßig mit Kraken in einem riesigen Strudel paaren, erzeugt bei mir eher Heiterkeit. Es fehlt zudem an Humor, wie man ihn von Tolkien oder eben guten DSA-Büchern gewohnt ist.

Unterm Strich bleibt ein Buch übrig, in dem eine bekannte Idee solide und mit vielen kleinen angenehmen Variationen umgesetzt wurde. Damit schlägt „Zwergenkrieger“ eindeutig ein Werk wie „Die Elfen“, welches mehr experimentiert, aber leider an wichtigen Stellen nicht gut abgeschlossen wurde.

Dennis L. McKiernan begann mit der Arbeit an „Zwergenkrieger“ 1982, schrieb es aber im wesentlichen 1988. Die mir vorliegende Ausgabe trägt den Vermerk „Neubearbeitung“. Ob es sich um eine Neuübersetzung handelt, weiß ich nicht. Anscheinend wurden einige Namen in der ersten deutschen Version namens „Drachenkampf“ verändert, wenn man der amazon.de-Beschreibung trauen kann. Jetzt wurden sie beibehalten.

Anmerkungen und Internetquellen:

offizieller Internetauftritt des Autors Dennis L. McKiernan
Liste seiner Werke (chronologisch / nach Handlungsablauf)

Vorwort und Titelbilder der englischen Originalausgaben
Zwergenkrieger (Titelbild und Leseprobe)
amazon.de-Rezensionen (Zwergenkrieger)
amazon.de-Rezensionen (Drachenkampf)
amazon.de-Rezensionen (Dragondoom)

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

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Eine Antwort zu Menschenkriegerin

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