Auszug aus Xorlosch

Thorwaler und Zwerge haben es mir besonders angetan. Deswegen war ich sehr gespannt darauf, nach dem ausgezeichneten Thorwalerbuch „Roter Fluß“ von Daniela Knor nun einen weiteren historischen DSA-Roman von ihr zu lesen, der diesmal ein wichtiges Kapitel zwergischer Geschichte erzählt. Schon der Titel „Der Tag des Zorns“ war mir ein Begriff, weswegen ich die grobe Handlung bereits kannte, welche in der Zwergenstadt Xorlosch 3075-3072 vor Bosparans Fall spielt (also etwa 4100 Jahre vor der aktuellen DSA-Zeitrechnung!).

Calaman Sohn des Curthag begehrt wie viele andere die schöne Aghira, welche als schönste aller Zwerginnen gilt. Weil die Angebetete jedoch aus einer reichen Sippe stammt, Tochter eines Rogmarok (eines Stammesführers) und ziemlich eingebildet ist, weist sie jeden Bewerber ab. Da Calaman immerhin ebenfalls Sohn eines Rogmaroks und daher eigentlich eine gute Partie ist, gibt sie ihm statt einer direkten, unhöflichen Abfuhr lieber eine unerfüllbare Aufgabe: Er soll ihr ein Stück aus dem Hort des Drachen Pyrdacor bringen, dann werde sie seine Braut.

Calaman versteht das seinerseits als Herausforderung und macht sich tatsächlich auf den Weg, obwohl sich bisher nur einmal ein Zwerg in den Machtbereich eines Drachen begeben hat und dabei ein ziemlich unrühmliches Ende fand. Die Geschichte setzt ein, als Calaman mit einem menschlichen Gefährten tatsächlich mitten im Echsenreich Zze Tha und kurz vor dem Hort steht. Und so unglaublich es zunächst erscheinen mag – er schafft es tatsächlich mit einem Schmuckstück zurück in die geliebte Heimat!

Doch damit fangen die wahren Schwierigkeiten erst an, denn mit seiner kühnen Tat hat Calaman gegen ein Friedensabkommen zwischen Zwergen und Drachen verstoßen. Beide Gruppen sind Todfeinde – die Zwerge wurden von ihrem Gott Angrosch speziell dafür geschaffen, um die Reichtümer der Erde von Drachen fernzuhalten. Die Kinder Angroschs haben sich mit den Drachen bereits einmal einen für beide Seiten verlustreichen Krieg geliefert. Ein Bruch des Friedens hätte also schlimme Konsequenzen.

Der Inhalt von „Tag des Zorns“ erinnert ein wenig an griechische Heldensagen: Ein wagemutiger Held vollbringt unglaubliche Taten, bringt damit aber Ereignisse ins Rollen, deren Tragweite er nicht versteht und die die ganze Welt verändern. Viele Formulierungen findet man oft wortwörtlich in der Spielhilfe „Die Zwerge Aventuriens“ wieder (S. 13-16, „Calamans Queste und der Tag des Zorns“), welche als Grundlage für den Roman diente. Die im Buch ebenfalls erzählte Geschichte des Stammvaters Ordamon, welche sich 7200 vor Bosparans Fall ereignete (also über 8200 Jahre vor der aktuellen aventurischen Zeit!), ist sogar fast 1:1 aus der gleichen Spielhilfe übernommen worden (Teil von „Das steinerne Zeitalter“, S. 6-9). Hier wurde eigentlich nur ein wenig wörtliche Rede eingebaut, um die Geschichte in Abschnitte aufzuteilen und besser in die Haupterzählung einzugliedern.

Gerade diese enge Verzahnung mit der Vorlage hat mir sehr gut gefallen. Während man das Original jedoch recht trocken herunterliest, wird hier mehr geboten: Daniela Knor hat Geschichte mit Leben gefüllt, indem sie weitere Personen hinzugefügt hat, z.B. Mitglieder von Calamans und Aghiras Familien, Angroschpriester, Geoden und Handwerker. So bekommt man einen Eindruck von den verschiedenen Sippen und Institutionen in Xorlosch. Mir ging es wie schon in „Roter Fluß“: Eigentlich hätte ich noch lange weiterlesen und den Alltag der verschiedenen Charaktere miterleben wollen. Der Autorin ist es offensichtlich gelungen, das Leben in Aventurien interessant darzustellen.

Zwergenfans freuen sich über Details: Die zwergische Zahlenmystik kommt unaufdringlich, aber ausreichend rüber, etwa in den Jahresangaben und der Anzahl der Geweihten. Das Buch bestätigt zudem die Vermutung, daß Pyrdacor die Diebe absichtlich entkommen ließ und so durch Hinterlist und Drachenmagie statt eines offenen Bruchs des Friedensvertrages die Zwerge schwächte. Weniger deutlich wird, daß Calaman sich seines Frevel schon vorher bewußt gewesen war; ebenso, daß er selbst das erbeutete Schmuckstück als Krone Ordamons identifizieren konnte.

Dagegen erhalten Calaman (wagemutig, selbstkritisch) und Aghira (selbstfixiert, verblendet) eine sehr deutliche Wertung. Dies kann man als Begründung sehen, warum im Lauf der Jahrtausende dem einen Stammn ein sehr gutes, dem andere hingegen ein sehr schlechtes Schicksal widerfahren ist.

Unklar bleibt, wie tatsächlich jemand darauf hoffen konnte, daß Calamans Tat vor den Priestern verborgen blieb, obwohl er doch so gerne davon redete. Schließlich hatte er Bewunderer in anderen Stämmen, wodurch klar war, daß sein Abenteuer bald auch außerhalb seiner Sippe bekannt sein dürfte. In der Spielhilfe war es das Prahlen von Aghira (hier nur angedeutet). Diese Unklarheit bestand jedoch schon im Original, denn wenn ein verschollen geglaubter Held heimkehrt, fragen ihn die Leute, was er in den Jahren erlebt hat.

Überflüssig fand ich den menschlichen Jäger und das Orkbaby. Soviel Kontakt zu anderen Rassen wirkt schon fast übertrieben für Erzzwerge zur damaligen Zeit. Sie sind allerdings gut geeignet, um die praktischen Auswirkungen des Geodendenkens auf das Handeln der Diener Sumus zu veranschaulichen. Die Experimentierfreudigkeit und der Wagemut der Kinder Curobans werden hingegen bereits durch die Abwehr des Wühlschrats und das Reiten deutlich.

Gestört haben mich allenfalls einige Rechtschreibfehler sowie falsch gebaute Sätze. Hier gab es offenbar einige hektische Umstellungen am Schluß ohne letztes Korrekturlesen. Ein sachlicher Fehler hat sich ebenfalls eingeschlichen: Ingerimm ist kein Gott der Güldenländer, sondern ist vielmehr in Aventurien aus dem Angroschglauben der Zwerge entstanden.

Daß das Buch 2001, also kurz vor der 4. Regeledition, erschienen ist, zeigt eine weitere Abweichung: Inzwischen gelten Zaubersprüche wie „Ignifaxius“ als gildenmagische Repräsentation des Zaubers, an den sich der Geode vergeblich zu erinnern versucht. Er hätte also keineswegs nach Worten suchen müssen – den Spruch hätte er zudem in dieser Form und zu diesem Zeitpunkt nicht von einem Zwerg lernen können.

Mit 276 Seiten ist das Buch vielleicht ein wenig kurz geraten. Zudem habe ich nicht verstanden, was es mit Armalion zu tun hat, da ich es ohne Weiteres in die normale DSA-Buchserie einordnen würde. Wenn ich ein Buch in einem Rutsch durchlese, weil ich mich an den sympathischen Helden erfreue, kann mir das jedoch egal sein.

Das Titelbild (zwei Typen und ein wacher Drache auf seinem Hort) kommt so nicht vor; ich halte es auch für nicht besonders passend, da die Suche nach dem Hort eigentlich nur die Eröffnungsepisode darstellt. Der Tag des Zorns würde genügend Motive hergeben – siehe Illustration in der Spielhilfe (auch in der neuesten Ausgabe „Angroschs Kinder“ enthalten): Man sieht Zwerge in Panik fliehen, während Häuser brennen und einstürzen und im Hintergrund ein Vulkan ausbricht.

Ein lustiges Detail sei am Ende erwähnt: Der Name eines der neuen Schüler an Drachenjägerschule lautet Thoram Sohn des Thorgrim. So hieß der Spielcharakter meines Bruders! Er hat sich natürlich riesig gefreut über diesen Zufall.

Wer die DSA-Romane von Daniela Knor noch nicht kennt, sollte das bald ändern! Zum Glück bleibt noch viel Stoff für weitere Erzählungen, etwa die ganze Reise von Calaman hin und zurück sowie die Abenteuer drumherum! Außerdem bleibt noch die Calaman-Sage zu erzählen, welche von Bündnissen mit Trollen und den Kindern Tulams handelt.

Zum geschichtlichen Hintergrund:

Mit dem Tag des Zorns endete die Zeit der Unschuld für die Zwerge. Auch war es mit der viel beschworenen Einigkeit vorbei. Viele Angroschim wollten nicht mehr in Xorlosch bleiben.

Der Stamm des Curoban ließ sich zunächst in den Trollzacken nieder. Aus ihnen entstanden die Brilliantzwerge! Auch wenn diese aufgrund des Angriffs der Dämonenpaktierer aus Lorgolosch und den Beilunker Bergen fliehen mußten, haben sie glücklicherweise inzwischen erneut eine Heimat gefunden.

Durch den Auszug einiger Sippen in den Kosch entstand übrigens ein weiteres Zwergenvolk, nämlich die Hügelzwerge. Das wird allerdings nicht im Buch erwähnt.

Die Söhne Brogars zogen ins Eherne Schwert und gelten seitdem als verschollen. Es gilt als reine Spekulation, daß aus ihnen die Brobim, also die Wilden Zwerge wurden.

Der Stamm des Aboralm gründete weit im Norden die Stadt Umrazim. Inzwischen ist diese Stadt längst untergegangen. Ihre genaue Lage ist unbekannt. Die Ruinen liegen im Machtbereich der Orks. Übriggeblieben sind die sogenannten Roten Zwerge, ein Ausbund an Goldgier und Hinterhältigkeit, sowie die degenerierten Tiefzwerge.

Der Edelstein, welche aus der Krone Ordamons entfernt wurde und sich dann lange in Umrazim befand, hatte wahrscheinlich einen ebenso unheilvollen Einfluß auf seine Besitzer wie die Krone selbst. Zumindest wird damit der Untergang Umrazims erklärt.

Es war übrigens ein zwergisches Artefakt aus dieser verfluchten Stadt, welches die Tjolmarer Zwerge zu Verrätern werden ließ, so daß die Orks das Svellttal bis auf wenige Ausnahmen erobern konnten. Diese Ereignisse greift dann der Roman „Das letzte Lied“ von Gun-Britt Tödter auf (schon von mir in diesem Blog besprochen)…

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Das schwarze Auge abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Auszug aus Xorlosch

  1. Pingback: Elfenmurks | Kunar rezensiert

  2. Pingback: Geburt eines Abenteurers | Kunar rezensiert

  3. Pingback: Kein günstiger Wind | Kunar rezensiert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s