Die Efferdperle

Schon vor einiger Zeit hatte ich die Liste der DSA-Romanbewertungen von Ralf und Schweige und außerdem Schweiges DSA-Kommentare durchgesehen, um Empfehlungen zu finden, welche weiteren DSA-Romane es zu lesen lohnt. „Blutopfer“ von Barbara Büchner hatte ich mir trotz der mittelmäßigen Bewertung gekauft und zwar deswegen, weil es im Svellttal spielt. Beim zweiten Buch habe ich aufgrund des sehr positiven Abschneidens bei beiden Kritikern zugegriffen.

Lena Falkenhagen erzählt eine Geschichte rund um Havena, die erste detailliert beschriebene Stadt Aventuriens. Rondriane Kevendoch, Kopf der Schmugglerbande „Die Nebelgeister“ (so auch der Buchtitel), arbeitet unverhofft zusammen mit Efferdan ui Bennain, Mitglied des albernischen Königshauses.

Dessen Nichte, Prinzessin Invher ni Bennain, soll im Efferd 29 Hal (1022 BF) den Thron von ihrem Vater übernehmen. Der Krönung steht jedoch ein ungeheuerlicher Vorfall im Wege: Die Efferdperle wurde aus dem Tempel des Meeresgottes gestohlen! Efferd hatte den Alberniern vor über drei Jahrhunderten dieses Artefakt geschenkt, um zu zeigen, dass er ihnen nicht mehr zürnte, nachdem er mit einem gewaltigen Seebeben einen großen Teil der Stadt zerstört und dauerhaft unbewohnbar gemacht hatte. Die Suche nach der Efferdperle ist also mehr als ein Wettrennen um einen wertvollen Schatz: Es geht darum, erneut drohendes Unheil von der Stadt abzuwenden. Die Schmugglerin und der Prinz haben also allen Grund, die Frevler zu finden, die hinter diesen dunklen Machenschaften stecken.

Ein zweiter Erzählstrang berichtet vom Fürstentum Albhernia, das sich 291 vor Hal (702 BF) gerade ein Jahr vom Mittelreich losgesagt hatte und als Seehandelsmacht aufblüht. Doch ein Machtkampf zwischen den verschiedenen Kirchen läßt zunehmend dunkle Wolken am Horizont erscheinen – und es ist bekannt, was folgte…

Der Gesamteindruck, den dieses Buch hinterläßt, lautet verkürzt: nicht spannend, sondern sehr stimmungsvoll. Das bedeutet nicht, dass der Roman keinerlei Spannung aufkommen ließe. Jedoch wurde mehr auf eine passende Darstellung des aventurischen Lebens Wert gelegt als auf allzu viele Überraschungseffekte. Das ist verständlich, wenn man sich vor Augen hält, dass zumindest bei einem Teil der Erzählung das Ende klar ist. So hat man beim Lesen weniger die Frage im Hinterkopf, was passiert, sondern vielmehr, wie es dazu kommt.

Beachtlich, dass das Buch für den Sprung zwischen zwei Zeitebenen eine Motivation aus der Erzählung heraus bereithält und sogar eine Erklärung dafür gibt, wie das Wissen einer Person aus der Vergangenheit einem Charakter in der Gegenwart zuteil werden kann. Die größte Stärke der Geschichte liegt jedoch darin, dass endlich einmal der Glauben der Menschen authentisch geschildert wird. Trotz aller Hinweise in den Regelwerken, dass die meisten Aventurier an zwölf Götter glauben und nicht nur jeweils an einen bestimmten, findet man noch allzu oft den Krieger, der nur Rondra anruft, den Magier, der zu Hesinde allein betet, und den Dieb, der einzig Phex verehrt.

Kleine Anspielungen auf andere Orte wie Tiefhusen erfreuen denjenigen, der sie wiedererkennt. Handlungselemente der früheren Romane „Kinder der Nacht“ und „Die Boroninsel“ werden kurz angedeutet, ohne dass es denjenigen stört, der die Bücher nicht gelesen hat. In Nebenrollen oder Gastauftritten taucht Hochadel aus halb Aventurien auf sowie eine geheimnivolle, aber altbekannte Magierin und sogar ein späterer Heiliger. Den Überschriften der Aventurischen Boten Nr. 77 und Nr. 78 nach zu urteilen wurden die Ereignisse rund um die Krönung eng mit dem Rest der DSA-Redaktion abgestimmt. Zwei Karten von Havena, eine Personenliste, der Index sowie ein passendes Titelbild, das offensichtlich speziell für dieses Buch angefertigt wurde (siehe Original beim Künstler) runden das positive Bild ab. Wenn überhaupt irgendetwas stört, dann das etwas kurz ausgefallene Ende.

Es bleibt jedoch festzuhalten: Hier steckt wirklich von vorne bis hinten Aventurien drin. An so einem Buch zeigt sich der Unterschied zwischen einer Auftragsarbeit, die auch überall sonst spielen könnte, und einer Erzählung, die profunde Kenntnisse der Hintergrundwelt voraussetzt und daher auch nur von wenigen Personen so verfasst werden kann. „Die Nebelgeister“ von Lena Falkenhagen ist in einem Atemzug zu nennen mit „Zwergenmaske“ von Martina Nöth und „Roter Fluss“ von Daniela Knor. Wenn jemand noch eine Antwort darauf sucht, welche speziellen Möglichkeiten DSA-Romane bieten und wie man aus einer gewöhnlichen Grundkonstellation etwas Neues herausholt – hier ist sie!

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

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