Göttergleich in Phexcaer

Diesmal gibt’s in der Rezension ein Doppelpack. Das hat einen guten Grund: Die beiden DSA-Kurzgeschichtensammlungen „Mond über Phexcaer“ und „Der Göttergleiche“, beide herausgegeben von Ulrich Kiesow, überschneiden sich inhaltlich. Da bietet es sich an, beide gemeinsam zu besprechen. Dadurch fällt es leicht, auf die Unterschiede einzugehen, die zwischen der jeweils älteren und neueren Version der wiederveröffentlichten Erzählungen bestehen. Insgesamt handelt es sich um sieben Geschichten:

Petra Baum: Maligno

Maligno führt ein glückliches Leben. Doch er spürt, dass er für seine Familie und Freunde zur Gefahr wird… Mehr sollte man nicht verraten. Die Kurzgeschichte ist ein überzeugender Einstieg im Buch „Der Göttergleiche“.

Ina Kramer: Die Freifrau und der Zauberlehrling

Der siebzehnjährige Abelmir macht eine Ausbildung beim Magier Xerber ins Eslamsroden. Eines Tages verliebt er sich in eine Kundin seines Meisters… Diese Geschichte ist bereits 1991 in Ausgabe 10 des Fantasymagazins „Wunderwelten“ erschienen und es war eine gute Entscheidung, sie in „Der Göttergleiche“ wiederzuveröffentlichen. Geschildert aus der Perspektive des Zauberlehrlings, überzeugt die Erzählung sowohl durch ihren Inhalt als auch durch die Wortwahl.

Lena Falkenhagen: Wolfstränen

Kantala ist tieftraurig: Als Wolfsmensch ist sie es gewohnt, sich zu verwandeln. Doch seit einiger Zeit überkommt sie in Tiergestalt ein unbezähmbarer Blutdurst – und eines Tages ist ein Kind ihr Opfer… Eine mystisch-übernatürliche Geschichte, die wohl in den Nivesenlanden spielt und bei der mir besonders das Ende gefallen hat. Die Abenteuer „Das Levthansband“ und „Sumus Blut“ sollen sich ebenfalls mit der Thematik beschäftigen. Ein würdiger Abschluss des Buches „Der Göttergleiche“, dessen Titelbild, mehrere Wölfe bei Vollmond, passend zur Geschichte gewählt wurde.

Christel Scheja: Die Diebe von Rashdul

Djamilla Azila hat es schon in jungen Jahren geschafft, die Königin der Diebe von Rashdul zu werden. Ihr Gegenspieler ist die Shanja, also Herrscherin der Stadt. Der neue Hauptmann der Stadtwache, Ilnamar ay Shorn, hat es sich in den Kopf gesetzt, die Meisterdiebin zu fangen…

Das Flair einer Stadt im Süden Aventuriens wird gut eingefangen und farbenfroh mit vielen Details geschildert. Die Handlung selbst ist eher eine kleine Episode, aber ok. Weniger gelungen ist die Darstellung der Figuren, welche sich verkürzt so wiedergeben läßt: Die Frauen sind gut und listig, die Männer böse und brutal. Wenigstens wird dieses Schema von dem Hauptmann durchbrochen.

Unangenehm fallen bei dieser Erzählung in „Mond über Phexcaer“ die vielen Rechtschreibfehler auf. Auch der Name des Söldners wird immer wieder anders geschrieben. In der Wiederveröffentlichung wurden einige Fehler behoben. Außerdem gab es minimale Umformulierungen, die sich auf die Ebene einzelner Wörter beschränken. Eindeutig die schwächste Geschichte in „Der Göttergleiche“, im Vergleich zum sonstigen DSA aber immer noch gehobener Durchschnitt.

Interessant ist, was die Autorin über ihre Hauptfigur schreibt. Demnach geht die Geschichte im Roman „Katzenspuren“ weiter, während der Beitrag „Die unvollkommene Tänzerin“ in „Gassengeschichte“ eine Episode aus der Vergangenheit behandelt. Die weiteren Geheimnisse liefern noch einige Hintergrundinformationen zu den Charakteren.

Jörg Raddatz: Einen Drachen zu töten

Golambes von Gareth-Streitzig, Landgraf der Trollzacken, baut wieder auf, was mehr als 1000 Oger verwüstet haben, und versucht aus seinem Lehen das Beste für dessen Einwohner herauszuholen. Da erreicht ihn die Nachricht, dass sich ein Kaiserdrache auf dem Berg Wolkenkopf niedergelassen hat und ihn zu sprechen wünscht…

Liest man sich die reinen Fakten durch, die man über den Protagonisten erfährt, gäbe es viele Gründe, ihn als überkandidelten Charakter abzustempeln: Ein halbelfischer Adeliger, der einflussreiche Personen und legendäre Helden als Freunde und Verwandte hat, sich ein vorlautes Mundwerk erlauben kann und dazu noch über ungewöhnliche Eigenschaften und Ausrüstungsgegenstände verfügt. Allerdings zeigt er gleichzeitig oft allzu menschliche Schwächen, trifft falsche Entscheidungen und grübelt lange vor sich her. Ein strahlender Held sieht anders aus. Diese ungewöhnliche Mischung macht Golambes zu einer schillernden Figur, deren Weg man gerne verfolgt. Beachtlich, wie der Autor es geschafft hat, lustige, traurige und spannende Stellen zu einem Ganzen zu vereinen.

Kleines Schmankerl am Rande: Wer „Die Gabe der Amazonen“ von Ulrich Kiesow gelesen hat, immerhin der zweite DSA-Roman überhaupt, der erfährt kurz und knapp, was aus den Hauptfiguren dieses Buches geworden ist.

Im Vergleich zur ursprünglichen Version in „Mond über Phexcaer“ wurde die Geschichte in „Der Göttergleiche“ an zahlreichen Stellen leicht abgeändert. Einen detaillierten Überblick gibt es im Wiki Aventurica. In vielen Fällen wurden dabei interessante Details weggelassen und so manche spitze Bemerkung gegenüber der kaiserlichen Familie entschärft – schade. Ungeachtet dessen stellt die Geschichte in beiden Ausgaben einen absoluten Höhepunkt aventurischer Erzählkunst dar und übertrifft so manchen kompletten DSA-Roman.

Ulrich Kiesow: Der Göttergleiche

In einem Gasthaus auf einer Handelsstraße südlich des Eisenwaldes, einem Gebirge im Westen Aventuriens, treffen verschiedene Gruppen von Reisenden aufeinander. Da draußen ein Gewitter tobt, sitzt man dichtgedrängt und irgendwann droht die alkoholgeschwängerte Stimmung zu eskalieren… Ulrich Kiesow, der verstorbene Vater des ursprünglichen Rollenspielsystems „Das Schwarze Auge“, war ein Meister, was die Schilderung einzelner Szenen betrifft. In der Geschichte geht es nicht um große Helden, sondern um eine Situation, wie sie sich täglich in der Kneipe in einer Fantasywelt abspielen könnte. Dabei fehlt weder ein ungewöhnliches noch ein moralisches Element.

Im namensgleichen Buch steht, die Geschichte sei in „Mond über Phexcaer“ in verkürzter Version erscheinen. Mir kommt es eher so vor, als sei sie bei der Wiederveröffentlichung erweitert worden. Mehrfach wurden Einzelheiten umformuliert, andere Sachen direkt erklärt, die man sich in der ursprünglichen Version selbst zusammenreimen musste. Insbesondere am Ende folgt eine längere aventurische Verdrahtung des Außergewöhnlichen.

Das ist einerseits schön für den Leser, der nicht so viel spekulieren will oder sich freut, dass das, was man sich ohnehin nach Lektüre der Originalausgabe dachte, in der Wiederveröffentlichung bestätigt wurde. Andererseits fehlt vielleicht ein wenig der Reiz des knapper Geschilderten und des Ungewissen, welches einige Dinge einfach mal ohne nachträgliche Erläuterung so stehen läßt.

Der Thorwaler Thimorn, der in der früheren Version auftritt, wurde in der späteren Ausgabe durch eine Thorwalerin namens Thornhild ersetzt. Es gibt eigentlich keinen zwingenden Grund dazu. Selbst wenn so leichter nachvollziehbar ist, warum der Chef der Fuhrleite diese Person unbedingt dabeihaben wollte, ist das ein wenig plump: Es ist doch genauso gut möglich, dass er einfach von dem Thorwaler große Stücke hält und seinen Fähigkeiten vertraut, anstatt dass er unbedingt heiß auf die Thorwalerin sein muss.

In beiden Ausgaben bleibt es eine sehr schöne Geschichte, unabhängig davon, dass sie in der Originalversion ohne allzu viel Aventurienspezifisches auskommt. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob nun dies oder die Drachengeschichte der beste Beitrag in beiden Büchern ist.

Übrigens ist die spätere Version von „Der Göttergleiche“ auch als Hörbuch beim Horchposten-Verlag erschienen. Der Verlag bietet eine kostenlose Hörprobe aus der Mitte des Textes an.

Pamela Rumpel: Der Mond über Phexcaer

Allhina, eine novadische Kriegerin, sucht ihren geliebten Sanshied. Dieser ist anscheinend in die Fänge eines finsteren Magiers namens Xaraxus gelangt und in Phexcaer gelandet. Auf dem Weg dorthin trifft die Novadi auf einen Gaukler, der sich ihr als Diener anbietet und immer wieder hilft. Hilfe hat sie auch bitter nötig, denn in und um Phexcaer tummelt sich allerlei Gesindel, das bestenfalls zwielichtig und oft mächtig und bedrohlich ist.

Die Geschichte nimmt knapp die Hälftes des fast gleichnamigen Buches ein und war für mich der Grund, es überhaupt ersteigern zu wollen. Wer Nordlandtrilogie gespielt hat, fragt sich, wieviel von der Stadt der Diebe in dem zwei Jahre vorher veröffentlichten Buch vorkommt. Insgesamt ist die Geschichte in dieser Hinsicht eine Enttäuschung: Meine Vermutung, Mond über Phexcaer sei die erste Phexcaer-Quelle nach den frühen Aventurischen Boten, wurde nicht bestätigt. Die Übereinstimmungen mit der Nordlandtrilogie ergeben sich immerhin an wenigen Details; für mehr ist die Stadt in der Geschichte einfach zu ungenau beschrieben. Tatsächlich stellt die Phexcaer-Darstellung in den Kleinodien die älteste kanonische Quelle dar. Hier werden Einzelheiten geschildert, welche später für die Kurzgeschichte „Der Mond über Phexcaer“ und das Computerspiel „Die Schicksalsklinge“ verwendet wurden.

Wenn man nicht „Die Schicksalsklinge“ gespielt hat und dadurch neugierig auf eine Geschichte ist, die als Schauplatz eine dort vorkommende Stadt hat, hat man keinen Grund, die Erzählung zu lesen. Sie ist einfach viel zu unausgegoren, um an irgendeiner Stelle zu überzeugen. Das fängt bei den unrealistischen Charakteren an und hört beim praktisch nicht vorhandenen Spannungsbogen auf.

Die Hauptheldin, eigentlich eine Kriegerin, gerät ständig in eine Situation, in der sie zum Opfer wird, das von den Freunden gerettet werden muss. Der Gaukler kennt nicht nur schlaue Verkleidungstricks, sondern verfügt über profundes Hintergrundwissen rund um einen menschenscheuen Magier und dessen Machenschaften. Außerdem hat er wertvolle Ausrüstung bei sich und ist trotz seines Äußeren ein willkommener Liebhaber. Warum er bei all diesen Eigenschaften nicht längst selbst eine Gruppe anführt, sondern sich unbedingt jemandem andienern muss, bleibt ohne Begründung. Als Nebenfiguren treten unter anderem ein Bordellbesitzer auf, der sich wie ein echter Menschenfreund verhält, sowie eine geheimnisvolle Schlangenfrau, die natürlich ebenfalls gerettet werden muss, bevor sie ihre Stärken ausspielen kann. Man verrät hier nicht zuviel, wenn man diese Personen erwähnt, denn sie tauchen größtenteils aus dem Nichts in der Geschichte auf, nur um dann ohne zu Zögern der Heldin beizustehen. Einzig der sympathische Händler Haimamud wird als interessante Figur geschildert.

Die Hintergrundgeschichte, die bereits am Anfang in wesentlichen Zügen geschildert wird, bleibt auch im Verlauf ohne größere Überraschungen und ist der untersten Schublade der Fantasyklischees entnommen: Der böse Magier hat den geliebten Partner des Protagonisten in seine Gewalt gebracht und veranstaltet furchtbare Rituale und Experimente in seinem Turm. Natürlich geht es nicht ohne Dämonen, wobei hier unbedingt ein neuer namens Moilon eingeführt werden muss, der sowohl Gegenspieler der Erzdämonen als auch des Namenlosen ist. Klar, darunter geht’s nicht, sonst wäre die Gefahr nicht ersichtlich, in der sich die geliebte Person befindet. Warum der Magier ausgerechnet Hunderte von Meilen entfernt im Land der Novadis diesen Menschen rauben musste, braucht offenbar keine schlüssige Erklärung.

Die absehbare Konfrontation mit dem Antagonisten wird durch völlig unmotivierte Nebenhandlungsstränge hinausgezögert. Anstatt dass sich dabei neue schwierige Konflikte auftun, etwa solche moralischer Art, finden die eindeutig erkennbaren Guten jedoch ohne größere Umwege zusammen und stehen uneigennützig einander bei.

Da das bekannte Rezept für billige Fantasy jedoch nicht nur aus unfreiwillig komischem Horror und unnötig brutaler Gewalt besteht, muss natürlich noch die wichtigste Zutat her, nämlich möglichst oft möglichst viel nackte Haut, ohne dass dies in irgendeiner Form durch die Handlung motiviert wird. Wenn die – selbstverständlich gutaussehende – Hauptheldin mal nicht entführt und ausgezogen wird, müssen eben grundlos noch einmal ihre körperlichen Vorzüge beschrieben werden. Als Tarnidentität bietet sich natürlich am besten eine Stelle als Hure in einem Luxusgewerbe an.

Die Geschichte „Der Mond über Phexcaer“ verhält sich zu guten DSA-Geschichten etwa so wie italienische Fantasyfilme zu „Conan, der Barbar“. Kein Wunder, dass sie als einzige nicht wiederveröffentlicht, sondern durch drei deutlich bessere Beiträge ersetzt wurde.

Abschließendes über beide Bücher

„Mond über Phexcaer“ war die erste DSA-Kurzgeschichtensammlung und der dritte DSA-Roman überhaupt. Fünf Jahre, bevor die bekannte Romanreihe bei Heyne gestartet wurde, haben die damaligen DSA-Autoren dieses Buch durch ihrem eigenen Verlag veröffentlicht – Fantasy Productions, heute bekannt als Fanpro. Zu bemängeln sind die vielen Rechtschreibe- und Zeichensetzungsfehler, auch wenn heute noch immer wieder DSA-Romane mit diesem Mangel erscheinen und der erfahrene DSA-Leser dies schon gewohnt ist.

Das Titelbild, auf dem eine Echse mit einer leichtbekleideten Frau tanzt, während halbnackte Elfen zur Musik aufspielen, hat zwar nichts mit dem Inhalt zu tun, auch wenn der Vollmond im Hintergrund an die Titelgeschichte denken läßt, ist jedoch schön anzusehen. Außerdem wurde die typische DSA-Schriftart verwendet, welche auf den damaligen DSA-Produkten zu sehen war. Da sich die Illustration auch auf den Buchrücken erstreckt, lohnt sich ein Blick auf das vollständige Titelbild bei Darakens Rollenspiel-Infopage.

Das Buch ist heute vergriffen und wird unter zum Teil fantastischen Preisen bei diversen Händlern im Internet angeboten. Daher lohnt sich der Kauf nur für Sammler, die unbedingt jeden DSA-Roman haben wollen. Alle anderen werden wohl kaum für 226 Seiten etwa 30 Euro hinlegen – im günstigen Fall, wohlgemerkt.

„Der Göttergleiche“ erschien 1995 bei Heyne und stellt einen frühen Höhepunkt der damals noch frischen DSA-Reihe dar. Das Buch bietet mehr Lesevergnügen und aventurische Stimmung als viele DSA-Romane. Die Zusammenstellung der Erzählungen ist deutlich besser gelungen als bei der späteren DSA-Geschichtensammlung „Von Menschen und Monstern“. Anhand kurzer Geschichten wird das Leben in verschiedene Gegenden Aventuriens geschildert. Außerdem gibt es eine grobe Aventurienkarte sowie als Anhang eine Erklärung der wichtigsten aventurischen Begriffe sowie einiger Ausdrücke, die in den Geschichten des Buches eine Rolle spielen. Auch heute noch ist dieses Buch gebraucht zu vernünftigen Preisen zu haben, weswegen es auch Einsteigern in die Welt des Schwarzen Auges empfohlen werden kann.

Da es nur wenige Personen gibt, die beide Bücher gelesen haben und diese vergleichen können, möchte ich noch auf die Besprechungen von Stefan Knopp bei media-mania.de hinweisen:

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

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