Auf ins eherne Schwert

Dieses Mal geht es sehr weit zurück in der Geschichte des Schwarzen Auges. Deswegen muss einiges über den Hintergrund des Buches erklärt werden:

Bevor Heyne die Reihe der DSA-Romane begann, war bereits die noch heute populäre Trilogie „Das Jahr des Greifen“ bei Bastei-Lübbe erschienen. Doch es gab sogar vorher schon drei DSA-Bücher: „Das eherne Schwert“, „Die Gabe der Amazonen“ und die Geschichtensammlung „Mond über Phexcaer“. Letztere wurde zu großen Teilen in „Der Göttergleiche“ als 9. Band der DSA-Reihe bei Heyne wiederveröffentlicht, das zweite Buch mit einigen Änderungen als Nummer 18. Einzig der allererste DSA-Roman ist nie neu aufgelegt worden.

Zieht man die üblichen Quellen zu Rate (Wiki Aventurica, früher auch alveran.org), so erfährt man vor allem, dass der Inhalt des Buches größtenteils nichts mit DSA zu tun hat. Liest man sich Die Geschichte des Schwarzen Auges von Mark Wachholz durch, so findet man zwei nicht besonders vorteilhafte Erwähnungen: In dem Teil, der die Jahre 1984-1986 behandelt, heißt es, das Buch sei „ebenso wenig inspiriert von der Welt, in der Das Schwarze Auge spielt, wie sein Titel“; im Abschnitt, der über die Jahre 1987-1989 berichtet, wird es im Vergleich zum nächsten DSA-Roman als „klägliche, uninspirierte Auftragsarbeit“ bezeichnet. Erstere Aussage kann jedoch so nicht ganz stimmen, denn das Eherne Schwert ist als Gebirge im Nordosten Aventuriens bekannt. Also galt es, auch die anderen Aussagen zu prüfen und sich einen eigenen Eindruck von dem Buch zu machen – umso mehr, als ich bisher keine einzige Rezension zu dem Buch im Internet gefunden habe, was nun wirklich eine Besonderheit ist.

Die Veröffentlichung bei Droemer Knaur ist Werner Fuchs zu verdanken, der damals für die Science-Fiction- und Fantasy-Reihe des Verlags verantwortlich war und im gleichen Jahr mit Jürgen Franke „Knaurs Buch der Rollenspiele“ verfasst hat. Der Autor Andreas Brandhorst war mir bisher als Übersetzer der Terry-Pratchett-Romane bekannt. Ich habe die Bücher im englischen Original gelesen, kann also zu seinen Fähigkeiten nichts sagen. Allerdings gibt es inzwischen eine stattliche Fehlerliste rund um die Übersetzungen. Das macht natürlich keinen guten Eindruck, selbst wenn man berücksichtigt, wie schwierig eine gute Übersetzung ist.

Beim Titelbild kommt ein wenig Nostalgie auf, besonders wenn man das Buch selbst in den Händen hält: Es sieht wie ein ganz typisches Fantasy- oder Science-Fiction-Buch der 1970er und 1980er aus. Das bestätigt auch der optische Vergleich, wenn man sich andere Titel der Reihe ansieht. Die Titelillustration kommt tatsächlich so im Buch vor. In dieser Hinsicht ist der erste DSA-Roman so manchem Nachfolger überlegen. Der erste Abschnitt des Klappentextes, der etwas aus dem Zusammenhang gerissen wirkt, ist ein Textausschnitt etwa aus der Mitte des Romans.

Gleichzeitig gibt es einen Text auf der Buchinnenseite, der eine völlig andere Geschichte beschreibt. Die einzige Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie ebenfalls mit dem ehernen Schwert zu tun hat.

Des Rätsels Lösung liefert ein Interview mit Andreas Brandhorst aus dem Jahr 2008. Dort sagt er, das Buch sei eine Auftragsarbeit mit genauen Vorgaben gewesen, welche er jedoch völlig ignoriert habe. (vermutliche Quelle: Alexander Seibold: Wenn das Eigenleben der Figuren der Story schadet, greife ich ein. Ein Gespräch mit Andreas Brandhorst. In: Sascha Mamczak, Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2008. Heyne, München 2008, ISBN 978-3-453-52436-1. S. 543–558)

Schade, dass man die Idee von der Buchinnenseite nie ausformuliert hat. Sie klingt jedenfalls nach einer interessanten Vorlage für einen DSA-Roman. Was Andreas Brandhorst abgeliefert hat, hat nur noch entfernt mit dem damals bereits bekannten Aventurien zu tun:

In der Stadt Al’Anfa wird der Totengott Visar verehrt. Neben dessen Boron-Priestern sind die Gesinde, eine Art Gilden für verbrecherische Tätigkeiten, ein wesentlicher Machtfaktor. Als die beiden Diebesanwärter Callehain und Medwyn bei einem Einbruch bei den Hexen erwischt werden, verurteilt man sie zu einer Expedition ins eherne Schwert, um dort eine schier unlösbare Aufgabe zu bewältigen.

Einige Ideen, etwa die strikte Vorgehensweise der Folterergilde oder die seltsamen übernatürlichen Wesen, wirken sehr abstrus. Das Bild der beschriebenen Städte passt praktisch nie zu dem, was man heute über die jeweiligen Orte weiß. Allerdings erfüllt es einen mit angenehmem Erstaunen, wie viele Ortsnamen bereits 1985 bekannt waren. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr erschien gerade das Abenteuer-Ausbau-Spiel mit dem Buch „Aventurien: Völker, Mythen, Kreaturen“ und der ersten Karte von Aventurien. Das war die erste ordentliche geographische Beschreibung Aventuriens überhaupt! Die jeweiligen Positionen der Städte und sonstigen Orte in dem Roman passen zur ältesten Aventurienkarte. Die gereimten Zaubersprüche wecken manche Erinnerung.

In Bausch und Bogen verdammen würde ich das Buch nicht. Es ist verständlich, wenn die damaligen DSA-Redakteure nicht gerade begeistert waren über die eigenmächtige Entscheidung des Autors, etwas ganz anderes zu schreiben, das dann unter dem Etikett „Das schwarze Auge“ erschien. DSA-Spieler, die ein aventurisch stimmiges Buch erwartet haben, werden zurecht enttäuscht gewesen sein.

Andererseits gefällt der Schreibstil, welcher gut zu lesen ist. Auch wartet die Geschichte mit manchen Wendungen auf, was auf etwas mehr als 200 Seiten nicht gerade selbstverständlich ist. Obschon das Ende Raum für eine Fortsetzung läßt, ist das Buch dennoch in sich geschlossen. Es handelt sich insgesamt um einen recht netten Fantasyroman.

Natürlich lohnt es sich nicht, allein dafür den heute üblichen Preis von mehreren Dutzend Euro zu zahlen. Das ist der reine Sammlerwert. Ich hatte mich innerlich bereits auf eine halbe Katastrophe eingestellt, war dann aber sehr angetan davon, ein ganz ordentliches Fantasybuch bekommen zu haben.

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

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