Der Befreiungskampf der Orks

Stan Nicholls: Die Orks: Blutrache

Mit Stan Nicholls fing alles an. Ende 2002 wurde sein Buch „Die Orks“ in Deutschland veröffentlicht und ein großer Erfolg. Ab dann erschienen immer weitere „Die [Pluralform eines Fantasyvolkes]“-Bücher, jedoch ganz (oder zumindest in großer Mehrheit) original auf Deutsch und meistens von bisher unbekannten Autoren. Da der Erfolg der „Herr der Ringe“-Verfilmungen Fantasy einen Popularitätsschub verschafft hatte, wurde das Genre interessanter für die Verlage. Längst nicht jeder Wurf war ein Treffer, manchmal wurden auch einfach ältere Bücher neu veröffentlicht, aber insgesamt gab es doch einige nette Entdeckungen.

Der genannte erste Autor hatte ursprünglich drei Bücher auf Englisch veröffentlicht (Orcs: First Blood: Bodyguard of Lightning / Legion of Thunder / Warriors of the Tempest), die auf Deutsch direkt in einem Band erschienen. (Welch lobenswerte Ausnahme bei der Veröffentlichungspolitik, schließlich geschah es oft auch umgekehrt!) Bei späteren Büchern deutscher Autoren hat man nicht Wert darauf gelegt, dass eine Geschichte in einem ebenso dicken Band zuende erzählt werden muss. Stattdessen wurde absichtlich einiges offen gelassen, damit sich mindestens noch zwei Fortsetzungen herausschinden lassen konnten.

Ich hatte sowohl das Orkbuch als auch die ersten drei Zwergenbücher noch nicht besprochen, allerdings in meiner ersten Fantasyrezension eine Empfehlung für die Orks ausgesprochen. Rückblickend kann ich das nur verstärken: Wer nicht gleich eine Riesenserie lesen möchte, sondern ein in sich abgeschlossenes Buch, der sollte sich „Die Orks“ zulegen.

Über fünf Jahre später ist eine Fortsetzung erschienen namens „Die Orks: Blutrache“. In einem Interview erwähnt Stan Nicholls, dass sich der große Erfolg der ursprünglichen Geschichte (und damit die Möglichkeit einer Fortsetzung, wie er sie wollte) erst mit der Veröffentlichtung in anderen Ländern, unter anderem Deutschland, eingestellt hat. Bekanntheit und Verkaufszahlen schwappten dann nämlich wieder ins Vereinigte Königreich hinüber. Der Autor hatte ursprünglich tatsächlich drei Trilogien geplant, schreibt aber nach eigenen Angaben bereits die zweite mit etwas anderen Ideen.

Eine große Ernüchterung setzte bei mir ein, als ich Seitenzahlen und Preise verglich. „Die Orks“ kostet mit seinen 800 Seiten 15 Euro. Die neue Trilogie erscheint in drei Teilen mit 448, 432 und 420 Seiten, die jeweils 12 Euro kosten. Wenn man dann noch die relativ große Schriftart der Nachfolger ansieht (Schnellvergleich: die Schrift beim 4. Elfenbuch, das vor kurzer Zeit im gleichen Verlag erschienen ist, fällt deutlich kleiner aus), bekommt man den Eindruck, als hätte auch die zweite Trilogie in einen großen Gesamtband gepackt werden können. Der Verdacht, der Verlag wollte aber lieber durch die Einzelbände 19 Euro mehr einnehmen, läßt sich so einfach nicht stichhaltig belegen. Es sei jeder dazu eingeladen, das selbst nachzuprüfen. Interessant ist zum Beispiel die Frage, ob im englischen Original die beiden Trilogien (bei gleicher Ausgabeform, es gibt Sammelband/Einzelbücher und gebundene Ausgabe/Paperback) gleich lang ausfallen. Das konnte ich auf Anhieb nicht ermitteln. Ich weiß natürlich nicht, ob nach dem Erfolg von „Die Orks“ Stan Nicholls deutlich mehr Geld für die Nachfolger bekommen hat. Außerdem mag es eine Rolle gespielt haben, dass man den ersten Nachfolgeband so schnell wie möglich veröffentlichen und nicht auf den Abschluss der Trilogie warten wollte.

Nach dieser langen Vorrede, die jedoch notwendig war, um dem Werk und seiner Bedeutung gerecht zu werden, zur eigentlichen Geschichte. Im ursprünglichen Buch wurden die Orks zunächst tatsächlich etwas andersartig dargestellt, wandelten sich jedoch bald zu einer Söldnertruppe, die so oder ähnlich genausogut aus Menschen hätte bestehen können. Dem Anspruch, einmal eine Geschichte aus der Sicht der Bösen darzustellen, so wie es der Buchrücken versprach, wurde die Erzählung also nicht gerecht. Auch fiel einem schnell der Wechsel in der Schilderung der Protagonisten auf. Dennoch blieb es eine lesenswerte Geschichte mit manchen schönen Stellen zum Schmunzeln.

In „Die Orks: Blutrache“ gibt es ein Einführungskapitel, in dem die Geschichte von „Die Orks“ in allen wesentlichen Punkten zusammengefasst wird. Es ist der erste große Pluspunkt des Buches, dass Rücksicht auf die Leser genommen wird, die über ein halbes Jahrzehnt nach der Veröffentlichung des ursprünglichen Buches nicht mehr jeden entscheidenden Teil der Geschichte im Kopf haben werden. Ein Verlag sollte optimistischerweise davon ausgehen, dass die Kunden sich inzwischen andere Fantasybücherserien aus dem eigenen Programm zu Gemüte geführt haben. Leider ist dieses leserfreundliche Vorgehen keineswegs Standard. Insbesondere bei den mit einigem Abstand erscheinenden Elfenbüchern von Bernhard Hennen wäre es nützlich; ist es doch kaum möglich, sich alles zu merken.

Bei einer Fortsetzung einer abgeschlossenen Geschichte muss natürlich eine Frage zuerst beantwortet werden: Was kann die siegreichen Helden dazu bringen, sich erneut ins Abenteuer zu stürzen? Die Orks führen inzwischen ein geruhsames Leben in ihrer neuen Heimat, doch einigen ist es schon zu friedlich. Sie wurden zu einem Leben als Kämpfer ausgebildet und nun fehlt ihnen die Herausforderung. Da kommt ihnen ein neuer Auftrag gerade recht, auch wenn er in die unterste Schublade der Fortsetzungsklischees bei Computerspielen fällt: Der böse Obermotz ist wieder da und muss erneut besiegt werden. Gleichzeitig geht es darum, in einem fremden Land die Orks zu befreien, die von den Menschen geknechtet werden. Angenehm fällt auf, dass bei der Komplettierung der Truppe die Namen der gefallenen Kameraden genannt werden. Wann hat man es schon, dass sich die Helden einer Kämpfertruppe glaubwürdig an Nebencharaktere erinnern? Auf ihrem Weg zum Ziel sammeln die Orks noch zwei Zwerge und zwei Menschen ein. Der Kampfzwerg ihrer Truppe hat inzwischen eine Gefährtin, die beiden Menschen sorgen für Reibung zwischendurch.

Wie schon im Original handelt es sich um leicht zu charakterisierende Figuren, wie man sie aus Actionfilmen kennt: Da ist der Anführer, der etwas über den üblichen Horizont hinausdenkt, der Griesgram, der sich gerne mit einem anderen Charakter anlegt, die kluge Beraterin, der Trottel (hier klassisch in Form eines Barden). Die Geschichte läuft relativ schnörkellos ab, es gibt viele Kämpfe. Man pflügt förmlich durchs Buch.

Es sei explizit darauf hingewiesen, dass der erste Band mitten im Geschehen endet. Es gibt also keinen Mini-Spannungsbogen, der zumindest im ersten Buch zuende geführt wird. Ob die zweite Orktrilogie empfehlenswert ist, läßt sich daher abschließend erst nach dem Lesen des dritten Buches entscheiden. Spaß gemacht hat das Lesen auf jeden Fall und es ist erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln der Autor es schafft, dass man mit den Helden mitfiebert.

Auf ein Detail soll noch besonders eingegangen werden: Die Menschen haben das Land der Orks besetzt mit der Begründung, die Orks horteten magische Vernichtungswaffen, auch wenn das augenscheinlicher Unsinn war. Im englischen Original ist sogar das ganze Buch nach ihnen benannt, nämlich „Weapons of Magical Destruction“. Wenn man weiß, dass Massenvernichtungswaffen auf Englisch „Weapons of Mass Destruction“ (abgekürzt WMD) heißen, kann man die Parallele noch leichter erkennen: Hier wird offensichtlich angespielt auf die vorgeschobene Begründung für die Invasion des Irak 2003.

nützliche Verweise zu allen drei Teilen der zweiten Trilogie:
Die Orks: Blutrache
Die Orks: Blutnacht
Die Orks: Blutjagd

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

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