Das Netz ohne doppelten Boden

Ohne zu übertreiben: Mit „Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet.“ ist Tanja und Johnny Haeusler ein großes Werk der Aufklärungsliteratur gelungen. Wie immer bei der Aufklärung geht es darum, etwas einmal genauer zu beleuchten, das als „schmutzig“, „gefährlich“ oder „böse“ gilt – und das der Adressat, wenn überhaupt, nur ungefähr kennt.

Es kommt nicht von ungefähr, dass so ein Buch von netzaffinen Menschen mit Kindern stammt – solche Leute sind am besten geeignet, um einerseits eine vernünftige Haltung zum Internet zu erklären und andererseits die Bedürfnisse von Eltern zu kennen. Auch für Personen ohne Nachwuchs ist es eine Freude, zu lesen, wie jemand über das Internet schreibt und dabei weder Panik schürt („Wir werden alle sterben“) noch Dollarzeichen vor den Augen hat – leider zwei übliche Blickpunkte, mit denen die digitale Welt betrachtet wird. Stattdessen wird hier das Internet als Abbild des realen Lebens dargestellt mit all seinen Möglichkeiten, aber auch Fehlern und Schwächen.

Abstrakte Dinge mit Analogien aus dem realen Leben zu erklären ist eine typische und bewährte Vorgehensweise unter Informatikern, die hier erneut wunderbar funktioniert. Wichtig sind praktische Beispiele, die aus dem wahren Leben stammen. Es ist eine große Leistung, sich an Menschen außerhalb der eigenen Umgebung zu wenden und dabei auf eine verständliche Sprache zu achten, Rücksicht zu nehmen, die anderen ernst zu nehmen.

Ein wichtiges Aha-Erlebnis: Das entscheidende Element ist nicht die Technik! Das wird oft von Laien falsch eingeschätzt. Dazu passt die Einschätzung, dass die konkrete Technik und die angesagten Internetadressen wechseln mögen (und insofern war es schlau und nur konsequent, kein entsprechendes Verzeichnis hinten ins Buch gepackt zu haben!), aber die Richtlinien zum Umgang mit dem Internet bleiben die gleichen. Dazu gehört etwa die gute Regel, nichts von den eigenen Kindern wie Namen oder Fotos ins Netz zu stellen. Das sollen sie selbst entscheiden können, wenn sie alt genug sind.

Ein weiterer interessanter Einblick: Kinder können deswegen „spielend leicht“ mit Technik umgehen, weil sie die Zeit zum Ausprobieren haben. Die „Generation“ Internet heißt denn auch nicht so, weil ihr alles in den Schoß fällt, sondern weil sie die erste Generation ist, die mit dem Internet aufwächst und nicht erst als Erwachsener irgendwann den Einstieg meistern muss.

Mit entspannter Einstellung wird erklärt: Was sind Foren, Blogs, Podcasts… ? Das zeigt nebenbei den tatsächlichen Wandel des Netzes auf: Noch vor ca. 15 Jahren war es ein Mittel vor allem für techniknahe Einzelpersonen, heute ist es ein soziales Gefüge der Massen.

Sehr gut, dass nicht nur das Internet selbst, sondern auch Computerspiele und Mobiltelefone behandelt werden. Allzu eng gezogene Grenzen hätten hier ohnehin keinen Sinn; über kurze Wege ist man sowieso wieder beim Thema. Schließlich ist mobiles Internet längst Alltag und bei Computerspielen ist das Netz die Informationsquelle schlechthin. Zum Thema Computerspiele sei nebenbei der Film „Nur ein Spiel“ empfohlen.

Die gute Mischung aus allgemeingültig formulierten Ratschlägen und Beispielen aus dem eigenen Leben ist äußerst angenehm zu lesen. Wichtig ist, dass die Autoren auch die schwierigen Themen nicht aussparen. Sie wägen ab und fordern Eltern dazu auf, ihren Verstand zu benutzen. „Vertrauen ist wichtiger als starre Regeln“ – das ist der wichtigste Ratschlag, für den man kein Technikwissen, sondern nur den gesunden Menschenverstand benötigt.

Über Details kann man sich herrlich streiten. Nicht zu jedem Angebot läßt sich wahrscheinlich gleich ein ganzer Beipackzettel mit Risiken und Nebenwirkungen verfassen, ohne dass Freude und Spontaneität (und Platz im Buch) verloren gehen würden.

Problematisch ist etwa die zu positive Schilderung der Wikipedia. Der Umgangston in der deutschsprachigen Version hat ein Niveau erreicht, das geeignet ist, einem den Glauben an das Gute im Menschen auszutreiben. Viele fachlich fundierte Autoren haben der Wikipedia inzwischen den Rücken gekehrt.

Auch ist die Nutzungsmöglichkeit von Youtube in Deutschland (ohne technische Tricks) doch sehr eingeschränkt, Musikindustrie sei Dank. Insofern dürfte das Vorhaben, die eigene Musik aus der Jugend dort zu hören, von Deutschland aus eher schwierig umzusetzen sein.

Den einzigen größeren Kritikpunkt hat das Nachwort verdient. Man mag es kaum glauben ob all der vorangegangenen gelungenen Seiten, doch wird das Autoren-Ehepaar dann pathetisch-theoretisch abgehoben, so als ob es nicht an sein Buch glauben würde. Zudem gilt: Ein guter Autor muss seine Botschaft nicht noch extra erklären! Dabei machen die Haeuslers selbst den Fehler, den sie anderen vorwerfen: Anstatt die Leute die Dinge selbst erkennen zu lassen, trichtern sie sie stumpf ein. Diesen letzten Teil des Buches kann man getrost überspringen.

Vielleicht schimmert an dieser einen Stelle der nicht ganz so glatte Entstehungsprozess von „Netzgemüse“ durch. Die Ankündigung des Buches weckte große Erwartungen. Am Ende wurde es in einem Hotel, das als Rückzugsort gewählt wurde, geschrieben. Die Schilderung der Arbeit am Buch erklärt nebenbei, für welche Zielgruppe es primär gedacht ist (aber auch andere können dabei viel lernen und gut unterhalten werden). Themen wie Facebook und Datenschutz zeigen, dass man über manches endlos schreiben (und diskutieren) kann. Auch im Podcast zur Sendung kommt gut herüber, wie zäh der Schreibprozess vonstatten ging.


(Nebenbei sei angemerkt: Man soll sich ja nicht auf Äußerlichkeiten versteifen, aber die angenehmen Stimmen der beiden erleichtern das Zuhören doch sehr.)

Am wichtigsten ist jedoch, dass die Autoren mit ihrem Werk authentisch wirken und sie bei all ihrem Wissen und ihrem Status (Spreeblick ist eines der wichtigsten deutschsprachigen Blogs) eine gesunde Portion Selbstreflexion behalten haben. Johnny Haeusler zum Beispiel hatte seinen Moment des Zweifelns und des Glaubens. Da schreibt jemand, der sich Gedanken macht und selbstkritisch beleuchtet, was er tut und was er will.

Insofern gilt – von der kleinen Kritik zum Nachwort abgesehen: Volle Leseempfehlung, und zwar nicht nur für Eltern, sondern für alle, die ihrem Bekanntenkreis erklären wollen, warum das Netz für sie so wichtig ist.

Hinweis: Ich habe mein Exemplar des Buches bei Bookcrossing registriert, so dass es interessierten Lesern auch auf diesem Weg zugänglich ist.

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