Kein günstiger Wind

„Endlich erscheint wieder ein Thorwaler-Roman!“ war mein erster Gedanke, als ich von Sieben Winde las. Ich kannte bereits Das letzte Lied von Gun-Britt Tödter, in dem einige der Hauptcharaktere Thorwaler sind, Roter Fluss von Daniela Knor, welches ein Kapitel gemeinsamer mittelreichisch-thorwalscher Geschichte im Orkland beleuchtet, sowie Hadmar von Wiesers Kurzgeschichte „Tronde geht feiern“, erschienen im Band Von Menschen und Monstern, welches eine Episode aus Tronde Torbenssons Jugend erzählt. Wie würde sich das Buch von Matthias A. W. Ott im Vergleich dazu machen?

Schon das Titelbild – ein bärtiger Mann mit Laute blickt auf brennende Schiffe vor einem malerischen Sonnenuntergang – sprach mich an. Der Titel des Buches erinnerte mich sofort an das „Meer der Sieben Winde“, auf dem die Thorwaler unterwegs sind. Auch der Klappentext weckte viel Vorfreude auf ein spannendes Buch, mit dem man in die Welt der Thorwaler eintauchen würde.

Man soll es kaum glauben, aber die Beschreibung auf dem Buchrücken gibt tatsächlich einen groben Einblick in die grobe Handlung zu Beginn des Buches. Auch das Titelbild kommt so im Roman vor, was selten genug der Fall. Darum geht’s:

Asbahk Waskirsson stammt aus Thorwal, der Stadt der Freien. Thure Hjalmarson, ein geschätzter Skalde in Südthorwal, soll ihn in seinem Handwerk unterrichten. Ein wichtiger Teil der Ausbildung findet auf Thures Tor statt, einer Siedlung in der Nähe des Bodir. Je mehr Asbahk lernt, desto größer wird die Anzahl der Fragen und Geheimnisse, auf die er stößt. Ganz Thorwal scheint sich unwiederbringlich zu verändern, und er muss inmitten der Ereignisse versuchen, seinen Weg zu finden…

Die Geschichte wird aus Sicht eines Thorwal-Kenners geschildert. Der Anfang verläuft sehr schleppend, auch wenn vieles später wichtig wird. Ich habe das Buch unter anderem deswegen so langsam gelesen, weil es in einem unnötig komplizierten Schreibstil verfasst wurde, der nichts mit der Stimmung zu tun hat. Das passt auch nicht zu einem Erzähler, denn in mündlich geschilderten Geschichten müssen die Sätze einfach sein. In einer Thorwaler Erzählung würde außerdem eine Geschichte nicht mit Lücken und offenen Enden präsentiert. Der Roman ist ein Lehrbeispiel dafür, warum ein Buch eine einfache Sprache und einen Handlungsbogen benötigt.

Stattdessen erwarten den gespannten Leser zahlreiche Handlungssprünge. Auf einmal werden wichtige Entwicklungen verkürzt, die Handlungsgeschwindigkeit variiert. Die Erzählgeschwindigkeit folgt nicht der Handlung, welche oft episodenhaft vor sich hin plätschert. Dazu verfügt das Buch über kein richtiges Ende, keinen ordentlichen Spannungsbogen und keine echte Haupthandlung. Für eine ausgeschmückte Geschichte, so wie sie im Prolog angekündigt wird, ist das einfach unpassend.

Ich zähle mal alle Handlungsstränge auf, die im Nichts enden oder nicht erklärt werden. Wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte diesen Absatz überspringen und beim nächsten weiterlesen.

SPOILER

  • Was war denn genau mit Sylvgard?
  • Was wird aus Jandara?
  • Welches Ziel verfolgt Hjalma der Skaldin? Wird sie wegen der Namensgebung doch den Tor erben?
  • Was genau bedeutete die Prophezeihung? Wurde sie etwa im Verlaufe des Buches durch Asbahk erfüllt?
  • Was ist passiert am Ende? Der Epilog klingt so, als sei Asbahk verstorben.
  • Was genau hat es mit dem Schwert auf sich?
  • Warum mag Thure keine Swafnirgeweihten? Es scheint mit Swafgrimnur Thungurson und seinem Vater zusammenzuhängen.

Zwei schön schwachsinnige Stellen, die zeigen, wie unrealistisch die Hauptfigur an den wichtigen Stellen wirkt:

  • Hywel wurde vor zwanzig Jahren von einem Andergaster Druiden entführt und taucht plötzlich wieder auf. Was ist die erste Reaktion Asbahks? Etwa Zorn gegen den Druiden, der ein Sippenmitglied geraubt hat? Pläne, um nach Andergast zu ziehen und diesem Kindsräuber eine Lektion zu erteilen? Endlose Fragen, was Hywel denn alles erlebt hat? Tränenerstickte Erzählungen, wie Asbahk sich die Schuld am Verschwinden des Bruders gegeben hat und wie er dessen Stein in einem Schmuckstück aufgehoben hat? Aber nein! Ganz ruhig wird gesagt: Ah, das bist Du wieder. Lass und doch auf Abenteuerfahrt gehen.
  • Immerhin bietet das Buch eine originelle Variante des alten „Ein Typ, zwei Frauen“-Problems: Er bekommt am Ende einfach keine von beiden ab! Zieht er etwa daraus die Lehre, dass man sich manchmal vielleicht entscheiden muss? Natürlich nicht! Was sind schon zwei attraktive Frauen für einen introvertierten Einzelgänger…

(SPOILER ENDE)

Als Leser fragt man sich zwangsläufig: „Worauf will der Autor hinaus?“ Halb so viele durchlebte Ereignisse wären besser gewesen. Als sich zwischendurch tatsächlich noch so etwas wie ein Höhepunkt andeutete (die Handlungen rund um Sylvgard und Iskir), hätte man das zu diesem Zeitpunkt bereits gar nicht mehr erwartet.

Es ist deswegen zusätzlich schwer, die Geschichte zu lesen, weil die Charaktere etwas klischeehaft daherkommen und dazu einige ein Verhalten an den Tag legen, welches sehr unrealistisch (zwei Brüder untereinander) oder seltsam (der Hauptheld) erscheint. Der Protagonist ist zudem ein Einzelgänger, was so gar nicht nach Thorwal passen will. Schließlich ist dort der Zusammenhalt der Sippe sehr wichtig. Thure hingegen darf sich alles erlauben, ohne dass ihn jemals jemand zu einem Kampf herausfordert. Auch das erscheint sehr merkwürdig, wo die Thorwaler doch für ihre Rauflust selbst bei nichtigsten Anlässen bekannt sind.

Asbahk wird von verschiedenen Freunden im Buch aufgefordert, seine Laute zuende zu stimmen und zu spielen. Umso besser, dass der Titel des Romans nicht „Saitenspiel“ geworden ist so wie ursprünglich angekündigt, denn Asbahk spielt kaum. Auch im übertragenden Sinne gilt der Ratschlag, denn Asbahk fällt es unglaublich schwer, sich für irgendetwas zu entscheiden. Am Anfang des Buches steht ein Platon-Zitat. Dem kann man Seneca entgegen halten: „Wenn man nicht weiß, welchen Hafen man ansteuert, ist kein Wind günstig.“ Diese Lehre möchte man Asbahk nach Lektüre des Romans geben.

Asbahk erlebt Thorwalsche Geschichte als Zuschauer. Er bekommt zwar viel mit, spielt aber nie eine größere Rolle. Vielleicht sollte damit verhindert werden, dass sich das Buch allzu sehr in die offizielle aventurische Geschichtsschreibung einmischt. Dagegen spricht jedoch Thures Tor, ein Ort, der sonst nie erwähnt wurde und dennoch so wichtig ist. Er ist nicht einmal auf der neueren Thorwal-Karte eingezeichnet. Wie man erlebte Geschichte spannend schildern kann, zeigen Romane wie „Die Nebelgeister“, „Roter Fluss“ und „Der Tag des Zorns“.

Leider gibt es zu dem eigentlichen Text keine der nützlichen Ergänzungen, wie man sie von anderen DSA-Romanen kennt. Besonders schmerzhaft macht sich das Fehlen eines Indizes am Ende bemerkbar. Bei den vielen Ereignissen, Personen und Orten, die vorkommen, hätte man sich das doch sehr gewünscht. Auch eine Liste der Thorwalschen Spezialbegriffe wäre sehr hilfreich gewesen. Zahlreiche dieser Wörter kommen im Text vor. Nicht jeder kann und will sich all die Spezialausdrücke für Magier, Geweihte usw. merken. Die Personenliste am Anfang ist zudem unvollständig. Zusätzliche Familienstammbäume hätten es leichter gemacht, die zahlreichen Verwandten von Asbahk und Thure richtig zuzuordnen. Auch eine grobe Thorwal-Karte hätte dem, der keine der beiden Thorwal-Spielhilfen besitzt, sehr bei der Orientierung geholfen.

Damit ist „Sieben Winde“ nur für DSA-Kenner und Thorwal-Fans lesbar. Alle anderen kommen nicht zurecht. Das ist schade, denn das Buch bietet einen schönen Abriss der jüngeren Thorwalschen Geschichte. Das können jedoch nur die verstehen, die sie kennen. Damit stellt sich die Frage, für welche Zielgruppe der Roman geschrieben wurde. Um Neulingen Thorwal näher zu bringen, wird zu wenig erklärt und es fehlt eine Zeitleiste mit den wichtigsten Ereignissen. Thorwal-Experten ärgern sich besonders über die stilistischen und inhaltlichen Schwächen, die nicht die übliche Stimmung aufkommen lassen wollen. Einsteiger verstehen die Hintergründe nicht, Kenner benötigen hingegen keine langwierigen Erläuterungen im Text.

Dass praktisch nie genaue Datumsangaben vorkommen, sondern meistens nur Jahreszeiten und Ereignisse andeuten, wie die Handlung fortschreitet, macht es schwer, dem Verlauf der Jahre immer zu folgen. Genaue Zeitangaben wären eventuell unpassend für einen Thorwaler-Roman gewesen. Ich habe mir die Mühe gemacht, sämtliche Orts- und Zeitangaben zu überprüfen und im Wiki Aventurica unter Datierungshinweise einzutragen. (Das erklärt auch, warum ich solange für die Rezension gebraucht habe!) Praktisch alles läßt sich in eine korrekte zeitliche Abfolge bringen, so dass man die Handlung zwischen Hesinde 1000 BF und Boron 1026 BF einordnen kann.

Eine Thorwaler Erzählung ohne Abenteuer, ein Entwicklungsroman ohne Entwicklung – das muss einen unbefriedigt zurücklassen. Wer „Die Schicksalsklinge“ gespielt hat, freut sich über die Reisen durch die bekannten Ortschaften. Das alleine macht aber noch keine gute Geschichte aus, schon gar nicht für ein breiteres Publikum.

„Sieben Winde“ hätte der Thorwaler-Roman schlechthin werden können. So gehört das Buch nur zum Durchschnitt. Es handelt sich quasi um den Roman zur Spielhilfe „Unter dem Westwind“: Wer die gelesen hat, versteht und kennt das meiste. Das Thema ist super, der Stil jedoch stark gewöhnungsbedürftig.

P.S.: Zum Vergleich seien die Rezension von Ralf und – direkt darunter – die von Schweige erwähnt. Selten konnte ich beiden so klar und in Details so übereinstimmend beipflichten. Einzige Ausnahme: Im Gegensatz zu Ralf hoffe ich, dass es keine Fortsetzung geben wird! Die wäre zwar mitunter interessant, weil dadurch offene Enden aufgelöst werden könnten. Es wäre aber keine Motivation für den Autor, ordentlich zu schreiben, wenn er zu diesem Buch auch noch eine Fortsetzung schreiben dürfte. Außerdem müsste man erst noch 20 Jahre warten, bis sich wieder entsprechend Thorwalsche Geschichte angesammelt hat. Ohnehin empfinde ich es als Beutelschneiderei, wenn ein Roman völlig unvollständig abschließt, damit man daraus noch eine Serie machen kann.

(ursprünglich erschienen im Larian-Forum)

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